Sinnsprüche, elegisch (1)
Von Arwed Willis Matscharek, 2021
1
So soll es sein das Alter: voller Witz und Sinn und Heiterkeit,
nur für den Alten nicht, für den ists mehrstenteils nur Leid.
Gesetztheit sollst Du strahlen, Souveränität und Würde,
nicht Depression und Einsamkeit und schwachen Leibes Bürde.
Man redet Dir das Altern schön und klein.
Wärst Auto Du, vom TÜV gäbs keinen Schein.
Sie sagen Gender, Rasse und so weiter seien Konstruktion.
Dein Leib treibt unbeirrt vom Kopfe Obstruktion.
Totentanz noch nicht, doch Hexenschuss und Rheumaschmerz
Das Greisenalter, wahrlich, ist kein Scherz.
Schildkrötenhals und Winkfleisch, Warzen, Runzeln:
Kein Wortschatz, der Dich bringt zum Schmunzeln.
Gestehs Dir ein, Du bist nichts als ein Greis.
Fährst gradenwegs nur noch aufs Abstellgleis.
Milde und Weisheit und die Rede von dem schönen Welken:
Am Ende stinken auch die schönsten Nelken.
Der Stengel knickt, die Blätter labbrig, trocken – oder
liebt wirklich wer Geruch von Fäulnis und dem Moder?
2
Die Haut geriffelt, Haar in grau und eher schütter.
Hier Alterszipfel, da ein Fleckgewitter.
Krampfadern, Besenreiser – soll man sie lasern oder ignorieren?
Glaubt ernsthaft jemand, dass Varizen einen zieren?
Schlaff werden hier der Balg, dort die Lamellen,
Was zunimmt, sind an allen Gliedern Dellen.
Das Schwinden muskulärer Kraft in Hinterbacken
Erleichtert nicht stilvolles Kacken.
Die Prostata vom Raum nimmt sich zu viel,
So tröpfelt es aus vorderem Ventil.
Es gibt Gestrüpp von Haar, wo’s niemand mag:
Ohrdschungel, Monsterbrauen und im Nasenloch ein Bart.
Es knirscht in Schulter, Knie und sowieso im Rücken.
Verdauung stopft, dazu dann schönes Magendrücken.
Blähbauch und Darmwind, oben Schwindel, Ohrensausen.
Gesegnet sei das Alter: So reden nur Banausen
Erschlaffter Gaumensegel nachts das Sägen unterstützt
Die Freundin dies als Segen leider nicht ergötzt.
Du siehst, wohin Du siehst, die alte Sehkraft schwinden
mit Brillen, Laserschnitt lässt dies sich überwinden.
Gehör wird selektiv, wie ist das Leben schön,
es weicht der Tinitus mitsamt den andren Höhn.
Das Hirn lässt nach. Und Namen merken? Längst passé.
Zu guter Letzt wählst du noch Laschet. Oder AfD.
Es schwächeln Toleranz, Flexib’lität und die Stringenz,
Weil sichtbarlich am Horizont winkt die Demenz.
Was macht, im Allgemeinen, das Immunsystem?
Es lässt sich gehn.
3
Mental durchaus von Lüsten noch bedrängt,
doch leider Brust wie Hintern abgehängt.
Die Finger steif sind, von Arthrose,
dergleichen hat man seltner in der Hose.
Das Kamasutra fängt man an zu meiden,
Kunstvolle Sexgymnastik schafft nur Leiden.
Es rührt recht gut der Löffel á la Opa-Oma,
Schere im Stehen führt zu Steißbruch oder Koma.
Es swingt sich schlecht. Fleischeslust wird Phantasy.
Wenn überhaupt, mit Pille blau, Gras oder Ecstasy.
4
Es macht Dich frei und macht dich locker,
Stattdessen Blutdrucksenker, Insulin, der Betablocker.
Womöglich hülfe Völlerei. Oder die neueste Diät.
Mach dir nichts vor: Auch dafür ist es jetzt zu spät.
Gut ist ein Abo bei den Lieblingswinzern und -destillen.
Doch übertreiben darfst Du nicht, der Haltung willen.
Innendrin noch immer junge Seele, eine schöne,
Das Spiegelbild spricht grausam andre Töne.
Des Morgens brauchts ein ausgehntes Ritual,
Herrichtung, Visagisterei sind eine Qual.
Der Welt noch vorzeigbar zu sein, benötigt Kunst,
Viel Salben, Tönung, Spezereien gegen Körperdunst.
5
Du weißt sehr viel, doch kein Intresse bei den jungen Spunden.
Im Internetz der Weisheit letzter Schluss wird jetzt gefunden.
Du redest gerne, gerne bist Du klug.
Die Welt will nichts davon, von Dir hat sie genug.
Als Lustgreis, alte Schachtel, alter weißer Mann:
Dein Image man nur mühevoll verbessern kann.
Doch tröste Dich, am Ende wird es höchst ästhetisch:
Asche, die im Winde wunderschön verweht sich.
Oder verwahrt im edlen Sarg, in Urne, die von Meisterhand,
Man sagt nur Schönes über dich, so hast Du dich noch nicht gekannt.
Dazu Musik, elegisch-süß, und die Gebinde opulent,
Es ehret Dich, dass man hier schluchzt und flennt.
Das Publikum, nur Deinetwegen ist es so gestylt.
Hättst früher Dus gewusst, Du hättst Dich mehr beeilt.
6
Ein altbekannter Satz, der stimmt Dich sicher heitrer:
Auch ohne Dich geht’s gut und bestens weiter.